Kapitel 1 (Der Anfang des Romans)
Die Finsternis war erfüllt vom vielstimmigen Konzert des Todes.
Am schlimmsten waren die Schreie. Die meisten von ihnen drangen aus größerer Entfernung zu ihm, und weil Arkham mittlerweile weitgehend entvölkert war, konnte man die Zahl derer, die sie ausstießen, an zwei Händen abzählen.
Aber das machte sie nicht weniger fürchterlich.
Es handelte sich um Laute des völligen Entsetzens, halb ungläubige, halb panische Ausrufe angesichts von Dingen, die es nicht geben durfte. Oder aber um das gequälte Kreischen derer, die jenen unaussprechlichen Schrecken zum Opfer fielen.
Ihnen allen war eine gutturale, unverständliche Natur gemein. Nicht eine der Äußerungen ergab auch nur ansatzweise einen phonetischen Sinn, obwohl sie so unglaublich viel aussagten. Besser als jeder Bericht kündeten sie vom Leid; davon, wie der menschliche Verstand angesichts unvorstellbaren Grauens im selben Maße zerfetzt wurde wie der Körper, der ihn beherbergte.
Ein Teil der Schreie stammte von Freunden, beziehungsweise Gefährten, denn er kannte einige von ihnen noch nicht lange. Aber eigentlich spielten derlei Erwägungen keine Rolle mehr. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Tod sie ereilte, und spätestens dann wären sie alle gleich, Freund, Bekannter, Fremder … oder gar Feind. Das Sterben riss sämtliche Grenzen nieder.
Grollen und Knacken fraßen sich aus zahlreichen Richtungen durch den Untergrund, begleitet von Vibrationen, als würde die Erde beben. Doch ihm war klar, dass hier weit mehr als geologische Kräfte am Werk waren. Kein Erdbeben, und sei dieses auch noch so gewaltig, konnte Schäden von einem solchen Ausmaß anrichten, wie sie der Erde bevorstanden.
In unregelmäßigen Abständen detonierte Donner über ihm. Die Druckwellen trafen ihn mit solcher Wucht, dass er ein ums andere Mal ins Schwanken geriet und beinahe zu Boden ging. Den Paukenschlägen gingen Blitze voraus; ganze Bündel von ihnen kochten rot und giftig in der wallenden Wolkendecke, begleitet von gespenstischem Zischen und Summen. Es brachte die Härchen an seinen Unterarmen dazu, sich aufzurichten.
Dies waren die wenigen Momente, in denen er etwas sehen konnte – wenn das Aufgleißen der Blitze die Welt mit schillerndem Blut übergoss. Doch selbst in jenen schlaglichtartigen Augenblicken vermochte er kaum mehr als Schemen zu erkennen. Obwohl die gezackten Linien sich grell und ungesund in seine Netzhäute brannten, erhellten sie ihre Umgebung kaum. Ihr unwirkliches Strahlen schien an andere Gesetzmäßigkeiten gebunden zu sein als jene, die auf der Erde üblicherweise galten. Als wäre es nicht für diese Welt und die Wesen, die sie bevölkerten, geschaffen.
Und das ist es auch nicht.
Walter empfand beinahe Dankbarkeit dafür, dass er die Menschen in seiner Nähe nicht besser sehen konnte. Selbst das Wenige, das sich ihm offenbarte, nagte gierig an dem klapprigen Gerippe, das von seinem Nervenkostüm geblieben war. Hervorquellende Augäpfel, die kaum noch von maximal aufgerissenen Lidern zurückgehalten wurden; gebleckte Zähne; schweißbedeckte Stirnen; verkrümmte, in Embryonalhaltung zusammengerollte Körper; Arme, die schützend um eingezogene Köpfe geschlungen wurden.
Es war die Apokalypse. Die Welt ging unter, und sie alle saßen dabei in vorderster Reihe. Der Wurmgott Ygdolagh hatte seinen gigantischen Schlund über den Planeten gestülpt. Die Geschichte der Menschheit endete im außerweltlichen Verdauungstrakt eines gigantischen Scheusals.
»Und ich bin daran schuld«, hörte Walter sich murmeln. Niemand außer ihm konnte es hören, da die grässliche Geräuschkulisse ihn um ein Vielfaches übertönte. »Ich habe es eingeleitet.«
Hätte er in diesem Moment eine Pistole in Händen gehalten, hätte er sie, ohne zu zögern, gegen seine Schläfe gepresst und abgedrückt. Jenes Gehirn in eine Wolke blutigen Matsches verwandelt, das im Bestreben, das Richtige zu tun, die Katastrophe erst herbeigeführt hatte. Seiner jämmerlichen Existenz sowie dem Fluch, der nun schon so lange an ihm parasitierte und über die Jahre nicht nur ihn, sondern auch all jene, die ihm etwas bedeuteten, ins Verderben gestürzt hatte, ein Ende bereitet.
Aber er war nicht Besitz einer Pistole. Seine Schusswaffe war ihm schon vor einiger Zeit abhandengekommen, wie so viele andere zuvor. Der Fluch hatte dafür gesorgt.
Allerdings hielt er eine andere Waffe in seiner linken Hand.
»Der Dolch.«
Natürlich. Es wäre nur gerecht, wenn der Gegenstand, der sich aus dem Zusammenschluss der Artefakte gebildet hatte, ihm hier und jetzt ein Ende setzen würde. Immerhin hatte nicht zuletzt die irrwitzige Jagd nach den Artefakten dafür gesorgt, dass er die Katastrophe eingeleitet hatte.
Walter zögerte nicht einen Wimpernschlag. Er rammte sich die Klinge in den Bauch, drehte den Griff der Waffe herum und sank in die Knie.
Er wartete noch immer auf den Schmerz, als ihm bewusst wurde, dass vor ihm kein Blut auf den Boden strömte. Seine herabgesunkenen Hände konnten keinerlei warme, klebrige Flüssigkeit spüren, an der vermeintlichen Einstichstelle zeigte sich ebenfalls nichts dergleichen. Noch nicht einmal der Stoff von Walters Hemd war in Mitleidenschaft gezogen worden.
»Was zum …«
Der Dolch lag vor ihm auf dem Boden. Er hob ihn auf und strich über seine Schneide.
»Au!«
Diesmal fühlte er das Blut, es rann in einem mäandernden Rinnsal über seinen prüfenden Finger.
Ich muss irgendwie abgerutscht sein, dachte er, holte noch einmal tief Luft und stach dann erneut zu, ehe womöglich noch einer der anderen versuchte, ihn aufzuhalten.
Diesmal umklammerte er den Griff des Dolches verbissen, presste ihn mit aller Kraft gegen sein Abdomen. Doch obwohl die etwa zwölf Zentimeter lange Klinge in Walter zu verschwinden schien, spürte er auch diesmal keinen Schmerz. Und als er die Waffe wieder hervorzog, hinterließ sie abermals keine Verletzung.
Sein gellender Schrei verwob sich mit dem Kreischen der Sterbenden, als er die Fäuste in Richtung Himmel schüttelte. »Warum? Warum gelingt mir nicht einmal das?« Er fühlte heiße Tränen über seine Wangen rinnen. »Warum darf ich nicht wenigstens sterben, verdammt noch mal?«
»Weil wir hier noch nicht fertig sind.«
Eine Hand von solcher Größe, dass man sie eigentlich als Pranke hätte bezeichnen sollen, legte sich auf Walters Schulter. Als die nächsten Blitze rot und bösartig übers Firmament zuckten, erkannte er den knapp zwei Meter großen Mann über sich. Eine Lederjacke spannte sich über breiten Schultern, in einem von Faustkämpfen gezeichneten Gesicht lag ein Ausdruck tiefer Trauer. Walter erinnerte sich an den Namen des Kerls, der ihm bis vor wenigen Minuten noch fremd gewesen war.
Robert.
»Sie haben ein Feuerzeug.« Roberts Stimme war tief und eindringlich und erklang außerdem nahe an Walters Ohren, weswegen er sie gut verstehen konnte. »Ich habe Sie damit vorhin eine Zigarette anzünden sehen. Benutzen Sie das Ding also endlich, damit wir etwas erkennen können! Wir sollten schleunigst hier weg, ehe die ersten Würmer auftauchen.«
»Robert hat recht«, fügte eine weibliche Stimme mit französischem Akzent an. Schock ließ die Worte stark in der Tonhöhe schwanken, aber sie klangen dennoch fest und entschlossen. Walter wusste, dass sie von Florence stammten, einer knallharten Sicherheitsfrau.
»Wozu?«, rief er verzweifelt aus. »Welchen Sinn hat es noch? Wir haben versagt, das Spiel ist verloren, erkennen Sie das denn nicht?«
»Ist es nicht«, ertönte es über ihm. »Auch wenn wohl niemand von uns große Lust verspürt, es weiterzuspielen. Aber wir sind noch immer hier, richtig?«
Robert rüttelte bekräftigend an Walter. »Und dieses Artefakt-Ding weigert sich ganz offensichtlich, Sie gehen zu lassen. Ich mag kein sonderlich gebildeter Mensch sein, aber das sagt mir, dass wir noch irgendetwas tun können. Dass wir noch immer eine Chance haben.«
Erneut zerfetzten rotglühende Linien den Himmel. Robert nutzte den Moment, um auf einen reglosen Körper zu deuten, den er ganz in der Nähe abgelegt hatte. »Außerdem würde sie wollen, dass wir weitermachen. Sie würde nicht zulassen, dass ich einfach so aufgebe. Wir schulden es ihr, uns verdammt noch mal zusammenzureißen.«
»Rebecca«, murmelte Walter. Er sah auf seine Hand hinab, obwohl es längst wieder so dunkel war, dass er dort nichts erkennen konnte.
›Sie ist gestorben, damit wir Ihnen das hier bringen konnten‹, hatte Robert gesagt, als er ihm das Artefakt ausgehändigt hatte. Das fünfte Fragment außerweltlicher Technologie, das daraufhin mit seinen Gegenstücken fusioniert war und so den Dolch geformt hatte, dessen Griff Walter umklammerte. ›Ich hoffe, das war es wert.‹
»Noch ein sinnloser Tod.« Er ließ den Kopf sinken. »Alle, die auf mich vertrauen, sind verloren.«
»Scheiße, jetzt ist aber mal gut!«
Diese Stimme war mindestens so tief wie die Roberts und zeichnete sich außerdem durch eine Art Grollen aus, das jede Silbe begleitete. Walter musste nicht auf den nächsten Blitz warten, um zu wissen, dass sie einem Mann gehörte, der sogar noch größer war als der Hüne, der bereits über ihm stand – und doppelt so breit, vor allem um die Körpermitte herum. Es handelte sich um William Poole, den ehemaligen Totengräber von Arkham.
»Wir haben schließlich diese beiden Wische von Pickman«, fuhr der menschliche Gigant fort. »Sehen zwar vollkommen irre aus, aber da soll’s laut dem Ghoul noch mehr Artefakt-Dinger geben. Und wenn wir erst mal alle von denen zusammen haben, passiert bestimmt irgendwas verfickt Großes.«
»Und was, wenn nicht?« Walter musste brüllen, um die Kakofonie des Sterbens zu übertönen.
»Dann haben wir uns am Ende wenigstens nichts vorzuwerfen«, behauptete Robert und rüttelte abermals an seiner Schulter.
Du vielleicht nicht, dachte Walter, während er tief und zitternd einatmete.
»Scheiße, jetzt hab’ ich aber die Faxen dick! Fostur würde dir die Hammelbeine langziehen, wenn er jetzt hier wär’, jawohl. Entweder du machst uns endlich Licht, oder ich scheuer’ dir eine, dass dir noch in ein paar Stunden die Ohren klingeln. Vielleicht hilft das ja.«
»Alex kann uns von hier wegbringen«, ergänzte Florence Williams Drohung. »Ich habe gesehen, wozu er fähig ist. Das muss doch auch etwas wert sein. Stimmt’s, Alex?« Obwohl Florence die letzten Worte aus Leibeskräften geschrien hatte, erhielt sie keine Antwort.
Vielleicht hat es ihn schon erwischt, dachte Walter mit einem Anflug von Neid. Morbide Neugier brachte ihn dazu, tatsächlich nach dem Feuerzeug zu kramen.
Als das Flämmchen des Sturmfeuerzeugs aufleuchtete, erkannten sie Alex’ schlaffen Körper. Er lag im Schoß einer weinenden Frau mit rotem, gelocktem Haar.
»Scheiße, was is’ los?« William polterte zu der Szene hinüber. Walter kam nicht umhin, zu bemerkten, wie zerschlissen die Kleidung des Totengräbers aussah. Er hatte offenbar eine ziemliche Tortur hinter sich.
Und in wessen Namen hat er die wohl auf sich genommen?
William beugte sich zu den beiden Gestalten hinab. Jemand, der den Hünen weniger gut kannte, wäre angesichts dessen plötzlicher Sanftheit erstaunt gewesen.
»Er is’ bloß ohnmächtig«, brüllte er. »Und Jess hat wohl ’nen Schock oder so was. Die werden schon wieder! Ich kann Alex tragen, aber ihr müsst euch um das Mädel kümmern.«
»Dann mal hoch mit Ihnen!«
Robert packte Walter unter den Achseln und zog ihn auf die Beine. Er ließ es willenlos über sich ergehen.
»Die Kleine hat mir einiges erzählt«, fuhr der Kerl in der Lederjacke fort, während er sich zu Rebeccas Leichnam begab und diesen unendlich behutsam in die Arme nahm. Er schien nicht gewillt, ihn zurückzulassen. »Am besten suchen wir uns einen Platz mit solidem Fundament. Das hält die Würmer ab. Und dann benötigen wir etwas, das tiefe Töne erzeugen kann. Zur Not tut’s ein Ghettoblaster, wenn wir die richtige Musik einlegen.«
Ein Bild blitzte vor Walters innerem Auge auf: der junge Mann Alex, verlottert, mit wirrem Zauselbart. Er richtete einen tragbaren CD-Spieler auf einen zuckenden, brodelnden Schemen. Auf eine Kreatur, die sich vom Schmerz anderer Lebewesen ernährte und die man mittels Schallwellen in ihre Bestandteile zerlegt konnte.
»Wegen der Schmerzfresser.«
Robert nickte; das Feuerzeugflämmchen ließ tiefe Schatten über sein Gesicht huschen. »Exakt. Außerdem sollten wir so viele Vorräte an uns bringen, wie wir tragen können. Wo ist der nächste Supermarkt? Mit etwas Glück finden wir dort all diese Dinge auf einmal.«
Walter deutete die Straße hinab. Ein tiefer, gezackter Riss durchzog sie, der bis vor wenigen Minuten noch nicht vorhanden gewesen war.
»Dann Abmarsch!« William nickte entschlossen. Er hatte sich den bewusstlosen Alex über die Schulter geworfen und schob mit der freien Hand Jess in Walters Richtung. Der Blick der jungen Frau war vollkommen entrückt, ihr Mund zu einem stummen Schrei geöffnet.
»Komm, Mädchen«, sagte Florence mit etwas erstarkter Stimme. »Das wird schon wie…«
Sie verstummte, als ein neuerliches Grollen über die Gruppe hinwegschoss. Es war noch lauter als der sonstige Lärm, und es bewegte sich in einer schnurgeraden Linie. Wenige Augenblicke später glühten Teile der Wolkendecke orangerot auf. Es vergingen noch einmal mehrere Sekunden, ehe das dumpfe Krachen von Explosionen zu ihnen herabhallte.
Kampfjets, wurde Walter klar. Das Militär greift Ygdolagh an.
»Hoffentlich sind die nicht so bescheuert, Atomwaffen einzusetzen«, rief Robert, der wohl denselben Schluss gezogen hatte wie er. »Sonst verrecken wir am Fallout, falls uns die Explosionen nicht vorher grillen.«
»So eine gottverdammte Scheiße!«, schrie William, als eine neuerliche Serie von Explosionen die Wolkendecke über ihnen aufriss. »Als ob die dem Vieh was anhaben können. Das sind doch bloß beschissene Mückenstiche für so ’nen Brummer.«
Das Spektakel schlug alle dermaßen in den Bann, dass sie das sich nähernde Beben zu spät bemerkten. Als Walter endlich klar wurde, dass der Boden sich diesmal direkt unter ihm bewegte, durchbrach schon etwas die Asphaltdecke der Straße. Es schoss zwischen den Gruppenmitgliedern in die Höhe und schleuderte sie zur Seite, als handelte es sich um menschliche Bowling-Pins. Dass niemand im weit aufgerissenen Maul des Angreifers endete, grenzte an ein Wunder.
Das Gaa in mir ist verbraucht, dachte Walter, während er auf den Boden prallte und sich überschlug. Das Flämmchen in seiner Hand erstarb. Alex hat damit die Meteoriten abgewehrt. Darum bin ich so erschöpft, und darum greift der Fluch momentan nicht. Womöglich hat uns das gerade gerettet.
Er rappelte sich keuchend auf und drehte am Zündrad des Feuerzeugs. Im aufflammenden Licht sah er einen schlauchförmigen, segmentierten Körper auf sich zurasen. Grüner Glibber troff von mehreren Reihen nadelspitzer Zähne, die rings um einen mindestens fünfzig Zentimeter breiten Schlund angeordnet waren.
Da passe ich rein, wurde Walter klar. Am Stück.
Tief im Innern der Kreatur zuckten fremdartige Organe. Obwohl er sich nach dem Tod sehnte, warf Walter sich zur Seite. Sein Überlebensinstinkt hatte die Kontrolle übernommen und ließ nicht zu, dass er kampflos starb. Und da war noch etwas anderes, eine Emotion, die während der letzten Tage immer öfter in ihm hochgekocht war: Wut. Nein, das war noch zu kurz gefasst. Es handelte sich um allumfassenden Hass, einen rohen, zerstörerischen Impuls, dem es vollkommen gleich zu sein schien, auf wen oder was er sich richtete.
Walter bleckte die Zähne. Ehe das Flämmchen aufgrund der Bewegung abermals erlosch, erfasste er die Position des Dolchs, der ihm bei seinem Sturz entglitten war. Als er sich über die Schulter abrollte, peilte er diese Richtung an.
Hinter ihm schoss etwas so dicht vorbei, dass er einen Luftzug im Rücken spürte. Ein grässlicher Gestank nach Fäulnis und Verwesung drang an seine Nase, fuhr den Riechnerv empor und detonierte in Walters Gehirn, wobei er eine ähnlich belebende Wirkung entfaltete wie Riechsalz. Plötzlich waren seine Gedanken vollkommen auf den Gegner fokussiert, sein Körper setzte Kraftreserven frei, die für Extremsituationen wie diese bereitgehalten worden waren.
Ein zischender Laut entwich ihm, als der Fingerstummel seiner umhertastenden rechten Hand auf das harte Metall des Artefakts traf, aber er zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde lang. Walter packte den Dolch mit aller Kraft, die ihm die verbliebenen Finger zur Verfügung stellten, wirbelte noch in derselben Bewegung herum und riss die Waffe nach oben.
Sein Gegner hatte sich längst neu orientiert und schoss abermals auf ihn zu. Eine dritte Serie von Explosionen ließ die Wolken zerfasern und umrahmte ihn grell. Walter wusste, dass die grellen Lichter orangerot waren, er nahm sie jedoch in verschiedenen Schwarzweiß-Schattierungen wahr. Der Hass hatte seiner Umgebung jegliche Farbe entzogen.
Aber das war im Moment nicht wichtig. Alles, was zählte, war der Angreifer. Das Biest bohrte sich auf ihn zu und schob dabei eine Druckwelle aus komprimierter Luft vor sich her, die Walters spärliches Haupthaar in Bewegung versetzte. Es war ihm längst viel zu nah, um ihm noch einmal auszuweichen. Walter schloss die Augen, hielt den Dolch fest und machte sich bereit, das Monstrum mit sich in den Tod zu reißen.
Eine Erschütterung durchlief seinen Arm, als etwas gegen die Waffe prallte. Im selben Moment erfolgte eine weitere Detonation, diesmal direkt vor seinem Gesicht. Ein Knall, als würde ein gigantischer Luftballon um ihn herum zerplatzen, brachte Walters Ohren zum Schrillen, jedoch wurde er nicht von einem Lichtblitz begleitet. Stattdessen traf ihn ein wahrer Sturzbach warmer, stinkender Flüssigkeit. Sekundenlang glaubte er, er müsse in der Brühe ertrinken, die ihn von allen Seiten einhüllte und an ihm herabströmte. Das Feuerzeug entglitt ihm, als er panisch mit den Armen ruderte, im Glauben, etwas habe ihn durch ein magisches Portal gestoßen und nun befinde er sich unter Wasser.
Wie damals im Hexenhaus, dachte er. Wo geht es lang, wo liegt die Oberfläche?
Dann war sein Gesicht endlich frei von dem Zeug und er inhalierte gierig, während er seine Augen von dem brennenden Sekret zu befreien versuchte. Um ihn herum stieg ein Gestank auf, als würde er in einer Jauchegrube treiben, aber er stand nach wie vor fest auf beiden Beinen. Walter keuchte und hustete, während er nach dem Feuerzeug tastete. Gleichzeitig zog die Wut langsam ihre feurigen Tentakel aus seinem Verstand zurück
Schließlich leuchtete das Flämmchen einige Meter entfernt auf. Robert hatte das Feuerzeug aufgelesen, der Leichnam des Mädchens lag nun in seinem linken Arm. Er runzelte die Stirn, während er an Walter herantrat und ihm dabei in die Augen sah.
»Was ist?«, zischte Walter, dem seine Lage sprichwörtlich stank.
»Ich dachte, ich hätte etwas gesehen«, brummte Robert. Dann schüttelte er den Kopf und stellte mit festerer Stimme fest: »Das Biest ist einfach zerplatzt.« Sein Blick fiel auf den Dolch, den Walter noch immer verbissen umklammerte. »Das Ding hat diesen Wurmviechern eindeutig etwas entgegenzusetzen. Ich hoffe, Sie sehen das jetzt ebenfalls ein.«
»Nur ist Ygdolagh ein klein wenig größer«, knurrte Walter und rieb sich mit der freien Hand weiteren Schleim aus dem Gesicht.
»Dann besorgen wir uns eben eine größere Waffe.« Florence streckte ihm die Hand hin, wobei sie jedoch angeekelt den Mund verzog. »Merde! Kommen Sie endlich. Wenn wir den Supermarkt erreichen, können Sie sich mit Trinkwasser waschen. Es wäre zwar eine Verschwendung, aber meinen Segen dafür haben Sie.«
Walter schloss die Augen. Was ihn betraf, hatte das jüngste Erlebnis nichts an seinen Überzeugungen geändert. Es hatte schlicht keinen Sinn, weiterzukämpfen. Die Niederlage war längst erfolgt und alles, was sie noch tun konnten, war, dem Feind dabei zuzusehen, wie er das eroberte Territorium verwüstete. Wem oder was würde es nutzen, wenn sie sich weiter sinnlos abmühten? Was gab es für ihn noch zu erreichen?
Plötzlich kribbelten seine Lippen. Er glaubte zunächst, es läge an dem ätzenden Schleim, doch dann breitete sich das Gefühl aus. Und es war auch keineswegs unangenehm, ganz im Gegenteil. Die Erinnerung an einen intensiven Kuss durchfuhr ihn mit einer solchen Macht, als würde er ihn tatsächlich erleben. Der fürchterliche Gestank war verschwunden, stattdessen roch er Wildblumen. Feinste Härchen, eingebettet in samtweiche Haut, glitten über sein Gesicht, eine drängende Zungenspitze tanzte um die seine. Es durchfuhr ihn vom Scheitel bis zur Sohle, als hätte ihn der Schlag getroffen. Gänsehaut breitete sich entlang seiner Arme aus, unter seinen Händen konnte er einen warmen, feingliedrigen Körper spüren, seinem Mund entrang sich ein Seufzen.
Es war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Walter fand sich auf dem besudelten Asphalt wieder, inmitten einer ekelerregenden Lache. Ein Windstoß trieb raschelndes Papier an ihm vorbei, während ihn seine Gefährten besorgt anstarrten. Das kümmerliche Licht in ihrer Mitte verzerrte ihre Gesichter zu Fratzen. Irgendwo rief jemand kreischend nach seiner Mutter, ehe er in einem langgezogenen Klagelaut verstummte.
Cynthia, dachte Walter. Ich muss dich retten, und wenn es nur für wenige Sekunden ist. Du sollst das Ende der Welt nicht als seine Gefangene erleben.
Er ergriff Florences Hand. »Helfen Sie mir mal bitte?«
Florence zog eine Grimasse, kam der Aufforderung aber nach und zog ihn auf die Beine. »Ist mit Ihnen auch alles in Ordnung?«
Walter antwortete nicht, sondern lief stattdessen los. Ein schmatzendes Geräusch untermalte jeden seiner Schritte, während er Abdrücke aus einer Substanz hinterließ, über die er lieber nicht genauer nachdachte.