Prolog
»Birth and Death were easy.
It was life that was hard.«
Tom Robbins
Weed, Kalifornien, Juni 1994
Billy Masons letzter Tag auf Erden war die Hölle.
Alles begann gegen vierzehn Uhr dreißig. Während es die restlichen Schüler vor mühsam unterdrückter Vorfreude kaum noch auf den Stühlen hielt und immer wieder Gelächter und geflüsterte Gesprächsfetzen durch den Raum huschten, krümmte Billy sich an seinem Pult zusammen. Verkrampfte Eingeweide ließen Schmerzwellen durch seinen Bauch schwappen, Nervosität befeuchtete seine Handflächen und führte zu Schweißflecken unter seinen Achseln. Er atmete flach und hektisch, sein Puls war zu hoch.
Nur noch dreißig Minuten, dachte Billy mit einem Anflug von Panik. Er starrte die schmucklose Wanduhr über der Tür des Klassenraums dabei mit solcher Intensität an, als wolle er ihre Zeiger per Telekinese zurückdrehen.
Mrs. Hoover räusperte sich, was Billy dazu veranlasste, den Blick nach vorne zu richten. Die Lehrerin stemmte ihre kreidefleckigen Hände in die Hüften und beschmutzte dadurch ihr gelbes, mit einem Blumenmuster geschmücktes Kleid.
»Ich sehe schon, das hat keinen Sinn mehr«, verkündete sie schlecht gelaunt. Ihre Dauerwellenfrisur wippte wie üblich auf und ab, während Mrs. Hoover beim Sprechen den Kopf mal in die eine, mal in die andere Richtung neigte. Beinahe sehnsüchtig sah sie über die Schulter, wo ein kompliziertes Gewirr aus mathematischen Gleichungen die dunkelgrüne Fläche der Tafel bedeckte. »Wir werden uns dann wohl im neuen Schuljahr noch einmal den binomischen Formeln widmen. Ich schätze, ich kann auch gleich die Zeugnisse verteilen, in eure Schädel bekomme ich heute sowieso nichts mehr hinein.«
Die Klasse johlte, Fäuste wurden in die Luft gereckt. Billy beteiligte sich nicht daran, ihm schnürte es vielmehr die Kehle zu.
Sie lässt uns früher gehen, konnte er nur denken. Die Finger seiner rechten Hand verkrampften sich so fest um einen Bleistift, dass dieser mit leisem Knacken in der Mitte entzweibrach. Nicht einmal diese letzte halbe Stunde war ihm noch vergönnt!
»Versucht bitte, während der Ferien nicht allzu viel zu vergessen«, seufzte Mrs. Hoover, während sie in ihrer Ledertasche kramte. »Und denjenigen von euch, die ich in der Sommerschule wiedersehe, kann ich nur nahelegen, pünktlich zu sein und die Sache ernst zu nehmen. Es könnte sich sonst äußerst negativ auf eure Versetzung auswirken. Verstehen wir uns?«
Diese kaum verhohlene Drohung brachte zumindest kurzfristig wieder ein wenig Ruhe in die Klasse. Es verschaffte Billy eine Art grimmiger Befriedigung, Schluckgeräusche aus anderen Winkeln des Raums als demjenigen zu vernehmen, in dem er selbst saß.
Für einen kurzen Moment wünschte er sich, einer der Schüler zu sein, die aufgrund schwacher Leistungen auch während der Ferien würden büffeln müssen. Innerhalb der Schule fühlte er sich nämlich einigermaßen sicher, potentielle Übeltäter wurden an diesem Ort durch die Anwesenheit von Autoritätspersonen abgeschreckt. Er verwarf den Gedanken jedoch rasch wieder, denn während der Sommerschule wäre er mit eben jenen Jungen in einem Raum eingesperrt, vor denen er sich fürchtete – Jungen, die auf der Suche nach einem Ventil sein würden, um ihre schlechte Laune loszuwerden. Außerdem würde ein Zeugnis, das schlecht genug ausfiel, um den dazugehörigen Schüler zum Sommerunterricht zu verdonnern, Billy zu Hause mit Sicherheit eine Extraportion Prügel einbringen. Und wenn es etwas gab, vor dem Billy noch größere Angst hatte als vor seinen Mitschülern, dann war es Joe, der aktuelle Liebhaber seiner Mutter.
Nicht, dass mein tatsächliches Zeugnis mir Prügel ersparen wird, dachte er bitter. Billy wusste, dass er neben einem ›B‹ in Kunst hauptsächlich mit ›C’s‹ und sogar dem einen oder anderen ›D‹ zu rechnen hatte – wahrlich nichts, das bei Erziehungsberechtigten Begeisterungsstürme auslöste. Erst recht nicht, wenn besagte Erziehungsberechtigte nur auf eine Gelegenheit warteten, um dem Kind einen Satz heiße Ohren zu verpassen.
Joe, dachte Billy bang und kaute an seinen Fingernägeln. Er ist immer daheim, seit die Leute vom Sägewerk ihn gefeuert haben, und er ist die meiste Zeit über betrunken. Wenn ich rausgehe, um von ihm wegzukommen, werden dort Max und Chester auf mich warten. Zumindest in der Zeit, in der sie nicht die Schulbank drücken müssen.
Der letzte Gedanke ließ ein Lächeln über Billys Gesicht huschen, es konnte die Angst aber nur für wenige Sekunden zurückdrängen. Zwei Reihen vor ihm bekam Max gerade sein Zeugnisblatt ausgehändigt, wobei die Lehrerin abfällig schnaubte.
»Das muss besser werden, junger Mann.«
Billy beobachtete, wie Max angesichts seiner Zensuren den Kopf zwischen die Schultern zog.
Hoffentlich bekommst du ordentlich Dresche dafür.
Als habe er den Gedanken vernommen, richtete Max sich ruckartig auf, wandte sich um und sah Billy direkt an. Roher Hass strömte aus den zusammengekniffenen Augen des Mitschülers. In Max’ sommersprossigem Gesicht tat sich ein gelber Spalt voll schiefer Zähne auf, während der Junge das Kinn hob und sich in unmissverständlicher Geste mit dem Nagel eines Daumens quer über die Kehle fuhr.
Obwohl seine Bauchschmerzen sich noch weiter verstärkten, versuchte Billy nach Kräften, dem Blick standzuhalten.
Du musst stark sein, lautete das, was Joe ihm als einzige Hilfestellung mit auf den Weg gegeben hatte. Man muss solchen Kerlen zeigen, wer der Boss ist.
Billy bezweifelte, dass Joe jemals irgendwem gezeigt hatte, wer der Boss war – abgesehen von Jungen wie ihm, denen er körperlich um ein Vielfaches überlegen war, vielleicht. Und Billys Mom, deren Schreie sich in manchen Nächten ganz und gar nicht so anhörten, als habe sie Spaß. Aber das sagte Billy Joe selbstverständlich nicht, und weil er sonst auch keine bessere Idee hatte, gab er sich nun eben Mühe, stark zu sein.
Es gelang ihm nicht.
Als Billy erschauernd die Augen niederschlug, erscholl hinter ihm ein gehässiges Lachen.
»Wir reißen dir den Arsch auf, Pickelfresse.«
Billy schrak zusammen, als hätte man ihn geschlagen. »H… halt’s Maul, Ch… Ch… Chester«, flüsterte er über die Schulter zurück.
»Oh, du bist frech? Damit hast du dir gerade noch ein paar Lähmer extra eingehandelt«, säuselte der Junge, der schräg hinter ihm saß, süffisant.
Mrs. Hoover hatte Max und Chester bereits vor Monaten auseinandergesetzt, doch dies hatte weder deren Freundschaft in irgendeiner Weise beeinträchtigt, noch dazu geführt, dass sie sich besser benahmen oder die anderen Schüler weniger terrorisierten. Wenn es überhaupt einen Effekt gehabt hatte, dann den, dass die beiden gewitzter geworden waren. Und bösartiger. Sie waren längst wahre Meister darin, sich bei ihren Taten nicht erwischen zu lassen, und hatten den Rest der Klasse dermaßen im Griff, dass niemand es mehr wagte, sie zu verpetzen
»Mein Dad hat mir zur Versetzung ein Schweizer Taschenmesser geschenkt«, behauptete Chester jetzt. »Gestern schon, weil er weiß, wie clever ich bin. Ich glaube, ich lasse die Klinge heute zum ersten Mal Blut schmecken.«
Billy überlegte zitternd, was er darauf erwidern sollte. Vor seinem geistigen Auge klafften tiefrote Schnitte, ritzte man ihm Schimpfwörter und obszöne Bildchen in die Haut. Er holte gerade Luft, Um Chester eine Hämorrhoide zu nennen – das schlimmste Schimpfwort, das Billy kannte –, als plötzlich Mrs. Hoover vor ihm aufragte.
»Schafft ihr es eventuell, euch noch für fünf Minuten zusammenzureißen?« Sie stöhnte theatralisch, legte ein Blatt Papier vor Billy ab und zog dann weiter, ohne wirklich von ihm Notiz zu nehmen.
So ist das immer, dachte er. Niemand sieht mich. Nur die, die hinter mir her sind.
Er überflog sein Zeugnis mit mäßigem Interesse. Es fiel ziemlich genau so aus, wie er erwartet hatte: gut genug für eine reibungslose Versetzung, aber auch schlecht genug, um Anlass für Prügel zu liefern. Er ließ den Kopf hängen und klammerte sich an die Hoffnung, dass Joe vielleicht vergaß, sich danach zu erkundigen. Wenn Joe wieder voll war, interessierte er sich womöglich überhaupt nicht für Billy und dessen schulischen Werdegang. Dann könnte Billy einen günstigen Zeitpunkt abwarten, um das Zeugnis seiner Mom zu zeigen, ohne dass der tyrannische Alkoholiker etwas davon mitbekam.
Na klar, dachte er resigniert. Und Schweine können fliegen.
Seine Stimmung hellte sich noch einmal überraschend auf, als Mrs. Hoover die Pultreihe hinter ihm erreichte.
»Dann seid ihr zwei also wieder vereint«, schnaubte sie und rümpfte die Nase. »Man könnte beinahe glauben, ihr hättet euch absichtlich so dumm angestellt.«
Kaum war Mrs. Hoovers ausladender Hintern zwei, drei Pulte weiter gewandert, wandte Billy sich verstohlen zu Chester um. »D… da w… wurde jemand wohl ein b… b… bisschen zu früh besch…schenkt. Viel Sp… Spaß beim N… Nachsitzen.«
Chesters längliches Gesicht mit der übergroßen Nase lief dunkelrot an. »Ich mach dich alle, Mason! Dafür bist du dran.«
Billy war ziemlich stolz darauf, dass es ihm gelang, beim Klang dieser Worte nicht erneut zusammenzuzucken. Stattdessen sah er demonstrativ zu Seite, aus dem einzigen Fenster des Raums hinaus. Strahlender Sonnenschein drang von dort herein, begleitet vom Brummen vorbeifahrender Pickups. Wenn man genau hinsah, flirrte die Luft, woraus Billy schloss, dass die Außentemperatur jenseits der Dreißig-Grad-Marke liegen musste. Sogar im Innern der Schule, umgeben von baufälligem, feuchtem Beton, wurde es allmählich unangenehm warm. Allerdings empfand Billy dies nicht als störend. Unter solchen klimatischen Bedingungen fielen die Flecken seines Angstschweißes weniger stark auf.
»So, damit wären dann wohl alle versorgt«, hörte er Mrs. Hoover resümieren. »Wenn ihr mir versprecht, gut auf euch aufzupassen und während der kommenden Wochen nichts auszufressen, dürft ihr gehen. Nun? Ich höre.«
»Versprochen, Mrs. Hoover«, tönte es aus gut zwei Dutzend Kinderkehlen. Sogar Max und Chester heuchelten Unschuld, einzig Billy schwieg. Die Endgültigkeit der Situation hatte ihm die Sprache verschlagen.
»Also dann, nichts wie raus mit euch. Husch!« Mrs. Hoover wedelte mit den Armen, als wolle sie einen Taubenschwarm aufscheuchen, worauf lautstarkes Gejubel und Schuhgetrappel einsetzten. Binnen dreißig Sekunden war der Klassenraum wie leergefegt – abgesehen von Billy und seiner Lehrerin.
»Und was ist mit dir?« Mrs. Hoovers breite Hüften kamen noch einmal vor Billys Pult zum Stehen. »Bist du etwa an Ort und Stelle festgewachsen?«
Zögernd sah Billy auf. »Ich h… habe Angst«, gestand er.
»Angst wovor?« Sie nahm sein Zeugnis auf. »Das ist doch gar nicht so übel. Wenn du willst, kann ich gerne darüber mit deinen Eltern…«
»N… nein!«, rief Billy etwas zu laut. »B… bloß nicht. Bitte! D… das ist es auch g… g… gar n… nicht.«
Nun beugte sie sich zu ihm herab, sodass er unweigerlich in ihren Ausschnitt starren musste. Billy hatte nicht gewusst, dass Frauen einen solch ausladenden Busen entwickeln konnten und fühlte sich angesichts des hervorquellenden Fleischs plötzlich seltsam. Ihm wurde heiß.
»Max und Ch… Ch…«, begann er.
»Chester? Hänseln die beiden dich etwa, weil du stotterst?«
Wenn es nur das wäre, dachte Billy. Er nickte stumm, weil es ihm peinlich war, mehr zu sagen. Außerdem würde seine Bestrafung umso härter ausfallen, sollten Max und Chester jemals erfahren, dass er sie verraten hatte.
»Ach, glaub mir, das geht vorbei«. Mrs. Hoover wuschelte Billy durch die blonden Haare, die wie üblich unfrisiert kreuz und quer über seinem Kopf verteilt lagen. »Spätestens wenn du das mit dem Sprechen in den Griff bekommst, hört es auf, vertrau mir. Ziemlich sicher früher, immerhin reift ihr Jungs schnell heran. In eurem Alter ist es normal, dass man ab und zu gemein zueinander ist.«
Billy wollte noch etwas sagen, doch die Lehrerin redete einfach weiter. »Bis dahin gehst du ihnen am besten aus dem Weg. Ich will nicht, dass mir Klagen über irgendwelche Prügeleien an die Ohren kommen, haben wir uns verstanden?«
»J…ja, M… M… Mrs. Hoover.«
»Dann ist ja gut. Und jetzt ab mit dir, ehe ich dich hier drin einschließe und du über den Sommer zur Mumie vertrocknest.«
Die Vorstellung, einsam im Klassenzimmer zu verhungern und sich anschließend in etwas zu verwandeln, das nicht länger von irdischen Sorgen und Nöten geplagt wurde, wirkte fast schon verlockend auf Billy. Aber selbstverständlich stand er trotzdem auf und zwang seine Füße, ihn in Richtung Tür zu tragen. Wenn er etwas um jeden Preis vermeiden wollte, war es nämlich Ärger mit Mrs. Hoover. Er wollte gar nicht daran denken, wie Joe ausrasten würde, falls er ihm einen Beschwerdebrief der Lehrerin aushändigen musste.
»Wir sehen uns dann in zehn Wochen!«, rief Mrs. Hoover ihm gutgelaunt hinterher, als Billy in den Flur einbog.
»D… das h… hoffe ich«, murmelte er leise und steuerte mit gebeugten Schultern den Ausgang des Gebäudes an. Seine Schritte trugen ihn über stinkendes Linoleum, vorbei an langen Reihen verbeulter Spinde, die bereits vor vielen Jahren den Großteil ihrer Lackierung eingebüßt hatten. Durch quietschende Eingangstüren, deren Glasscheiben von einem Spinnennetz aus Rissen durchzogen waren, trat Billy hinaus in den Sonnenschein.
Eine Windböe blies ihm Staub und den Geruch von Dieselabgasen ins Gesicht. Etwa zwanzig Meter entfernt brummte ein Holztransporter die Hauptstraße von Weed entlang. Billy hustete, rieb sich den Dreck aus den tränenden Augen und trottete zu den Fahrradständern hinüber, während er seinen Spider-Man-Rucksack um die Schultern festzurrte.
Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit mit der Kraft eines starken Elektromagneten auf sich. Billy hob den Kopf und sah gerade noch, wie Susie Chambers auf ihrem Fahrrad das Schulgelände verließ. Ihre langen Zöpfe flatterten hinter ihr, der Fahrtwind bauschte ihren Rock und ließ für Sekundenbruchteile das Weiß von Susies Slip aufblitzen. Dann verschwand sie hinter einem Trader Joe’s, war somit außer Sicht und hinterließ nichts als dasselbe merkwürdige Gefühl von Hitze, das Billy bereits beim Anblick von Mrs. Hoovers Oberweite überkommen hatte.
»S… Susie«, seufzte er. Er würde sie gut zwei Monate lang nicht zu Gesicht bekommen, es sei denn, sie lief ihm zufällig über den Weg. Aber selbst falls das geschah, würde sie ihn wohl kaum ansprechen und vermutlich noch nicht einmal erkennen. Billy war sich recht sicher, dass Susie nichts von seiner Existenz wusste. Trotzdem war sie das Beste, das der Tag für ihn zu bieten hatte, und jetzt war sie ihm für eine lange Zeit genommen worden.
Noch ein Grund, die Sommerferien zu hassen.
Als er sich herabbeugte, um das Zahlenschloss zu öffnen, mit dem sein Rad am Ständer festgemacht war, entfuhr ihm ein überraschter Schrei. Der Vorderreifen war platt! Ein dunkler Schlitz klaffte im Gummi des Mantels.
»D… das w… war bestimmt Ch… Ch… Ch…« Billy war so wütend, dass er es nicht fertigbrachte, den Namen seines Widersachers mit Zunge und Lippen zu formen. »M… m… mit seinem n… neuen M… M… Messer. D… diese H… Hä… Hämo…« Er ließ den Satz in einem zweiten Schrei verklingen.
Es musste ihm irgendwie gelingen, den Schaden zu reparieren, ehe Joe etwas davon mitbekam. »Deine Dummheit kostet mich noch das letzte Hemd, du bescheuerte Missgeburt« war einer der Lieblingssprüche des Säufers. Dabei hatte er noch nie etwas von Billys Sachen bezahlt – die sparte sich Mom allesamt vom Munde ab – und besaß nach allem, was dieser wusste, auch kein einziges Hemd. In Wahrheit trug Joe selten etwas anderes als fleckige und durchlöcherte Unterhemden.
Billy beschloss, das Fahrrad fürs Erste hinter dem Trailer zu verstecken, in dem er gemeinsam mit seiner Mom und Joe lebte. Etwas anderes kam nicht infrage, denn falls er das Rad an irgendeinem anderen Ort in Weed festmachte, würden sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch einmal Max und Chester daran austoben. Die Stadt war winzig, ein unbeaufsichtigtes Rad fiel auf wie ein bunter Hund.
Billy griff nach den beiden Lenkstangen und wollte sein beschädigtes Gefährt gerade aus dem Ständer ziehen, als ihn etwas in der Nierengegend traf. Der Schmerz durchfuhr ihn wie ein Blitz. Mit einem Mal waren seine Beine wie gelähmt und er sank in die Knie, während ihm vor Überraschung und Pein die Luft wegblieb.
»Das war nur der Anfang, Mason«, verkündete Max, als er in Billys Blickfeld trat. Er musste sich irgendwo versteckt und ihm aufgelauert haben, vermutlich hinter einem der Säckelblumenbüsche, die jenseits der Fahrradständer aufragten.
»Gewöhn dich besser dran, Mistsau. Du wirst uns nie kommen sehen, doch wir werden immer in deiner Nähe sein und dir das Leben zur Hölle machen.« Max lachte schrill. »Mach’s gut, Mason-Baby.«
Indem er Billy eine Kusshand zuwarf, wandte Max sich um und schritt pfeifend den Weg zur Straße hinab. Dort angekommen, blickte er noch einmal zurück, zwinkerte und verschwand in Richtung der Ortsmitte.
»Ihr w… werdet nicht immer in d… der N… N… Nähe sein«, zischte Billy. Stöhnend gelang es ihm, sich zurück auf die Beine zu kämpfen. Allmählich kehrte auch das Gefühl in seine unteren Extremitäten zurück. »Ab M… M… Montag werdet ihr n… nämlich wieder hier sein, z... zum N… N… Nachs…s…sitzen. Ich aber n… n… nicht.«
Abermals griff er nach dem Lenker seines Fahrrads, allerdings nicht, ohne sich zuvor absichernd nach allen Seiten umzublicken. Niemand war zu sehen, also schob er den Drahtesel über den knirschenden Kies des Vorplatzes. An der Hauptstraße angelangt, tat Billy es Susie gleich und wandte sich nach links.
Beim Anblick des Schilds von Trader Joe’s verspürte er den starken Drang, sich etwas Gutes zu tun. Also lehnte er das Rad an die Fassade des Geschäfts und kramte in den Taschen seiner Jeans. Zu Billys Überraschung fand sich darin tatsächlich ein Quarter.
»Aff…ffengeil, d… das reicht f… für nen Center Sh… Sh… Shock!«
Die Vorfreude auf die herrlich saure Leckerei verdrängte den Schmerz aus Billys Bewusstsein. Darauf bedacht, sein Fahrrad nur so kurz wie möglich aus den Augen zu lassen, rauschte der Junge geradezu in den Laden. Das Glöckchen über der Eingangstür bimmelte so wild, dass es sich beinahe aus seiner Halterung löste. Billy steuerte direkt die entscheidende Regalreihe an, entnahm ihr das begehrte Naschwerk, und begab sich damit unverzüglich zur Kasse.
»Bei deinem Gesicht kann’s ja nicht groß schaden, wenn es noch weiter zusammenschrumpelt«, kommentierte Mister Baker. Der hängebackige alte Mann war der Besitzer des Trader Joe’s und offenbar nicht an zufriedener Kundschaft interessiert. Er streckte eine knotige Hand aus, um das Geld entgegenzunehmen. Kaum hatte er dieses in der Kasse verstaut, kratzte er sich an der linken Ohrmuschel, aus der ein Büschel krauser Haare spross. »Was gibt’s da zu gaffen? Ab mit dir, die anderen Kunden wollen auch bezahlen.«
Billy war abgesehen von Mister Baker der einzige Mensch, der sich gegenwärtig in dem Geschäft aufhielt. Doch er hielt es für gesünder, diese Tatsache nicht zu erwähnen, und außerdem musste er schnellstmöglich zu seinem demolierten Rad zurück. Also trabte er wieder ins Freie, ohne sich zu verabschieden.
»Sag deinen Eltern, dass sie dir gefälligst ein paar Manieren einbläuen sollen!«, rief ihm der Alte noch hinterher.
Billy achtete nicht darauf. Er war vollauf damit beschäftigt, seine Erwerbung aus ihrer Plastikverpackung zu befreien. Breit grinsend steckte er sich den viereckigen Klumpen in den Mund und erschauerte gleich darauf wohlig.
Es waren gut zwei Meilen bis zum Trailerpark – keine besonders große Entfernung, wenn man sie mit dem Fahrrad zurücklegte. Zu Fuß allerdings, und dann noch in der frühsommerlichen Hitze, war das schon eine ganz andere Geschichte. Billys T-Shirt war bald dermaßen mit Schweiß vollgesogen, dass es ihm förmlich am Körper klebte. Was den Drahtesel anging, so schien sich dessen Gewicht auf magische Weise verzehnfacht zu haben. Das Gefährt über die weitgehend ebene Straße zu schieben, fühlte sich an, als würde man einen gewaltigen Felsblock die Klamath Mountains emporwuchten. Der Center Shock machte die Sache zwar erträglicher, allerdings ließ dessen extrem saurer Geschmack rasch nach und war bald kaum mehr als eine wehmütige Erinnerung.
Billys Blick richtete sich immer wieder sehnsüchtig auf das Gebirge, das sich gleich hinter der Stadt erhob. Er sah dort einen Steinadler über Kiefern und Douglasien kreisen und fragte sich unwillkürlich, ob ihn das Tier mit seinen scharfen Augen ebenfalls erspäht hatte. Wartete es vielleicht nur darauf, dass er am Rand der Straße zusammenbrach, um sich wie ein Geier über das frische Aas herzumachen? Taten Adler so etwas überhaupt?
Billy schüttelte sich, wobei er Schweißtropfen in der Gegend verteilte. Die Hitze stieg ihm sprichwörtlich zu Kopf. »Reiß d… dich z… zusammen.«
Endlich erreichte er die Abzweigung. Die mit Schlaglöchern übersäte Straße führte hier auf einen staubigen Weg, der einige hundert Meter weiter in den Trailerpark münden sollte. Von nun an wuchsen beiderseits der Strecke Nadelbäume, deren Schatten Billy etwas Linderung verschafften. Er wählte eine besonders mächtige Pracht-Tanne, um den von sämtlichem Geschmack befreiten und allmählich hart werdenden Kaugummi loszuwerden. Die Überreste des Center Shock klatschten gegen die Borke des Baums und verschwanden in einem Grasbüschel an dessen Basis. Billy lächelte zufrieden, war ihm beim Spucken doch eine erstklassige Flugbahn geglückt. Dann atmete er noch einmal tief durch, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß aus der Stirn und nahm all seinen Mut zusammen, um die letzten Meter bis zu den Wohnwagen zurückzulegen.
Kaum hatte er den Platz betreten, ging alles endgültig den Bach runter.
»Billy? Scheiß die Wand an, wie siehst’n du aus? Und warum schiebste dein beschissenes Rad wie so’n Drecksspasti?«
Billy keuchte. Joe, das war Joe!
Jetzt sah er ihn auch, er saß direkt vor dem ersten Trailer in einem Klappstuhl. Neben Joe hockte Barney, der Bewohner des besagten Trailers. Die beiden Männer brieten Steaks auf einem billigen Holzkohlegrill, um sie herum lagen zusammengedrückte Bierdosen auf dem Boden.
Die Gerüche von Rauch und bratendem Fleisch stiegen Billy in die Nase, das Brutzeln von Fett sowie das Knacken der Kohlen drangen an seine Ohren. Wahrscheinlich hätte er all das schon viel früher wahrgenommen, wenn er aufgrund der Hitze nicht kurz vor einem Sonnenstich gestanden hätte. Er schluckte.
»H… hab nen P… Platten. Aber d… das ist n… nicht so sch… schlimm, d… den hab ich b… bestimmt schnell w… wieder …«
»Verfickte Scheiße, hast du’s also echt geschafft, das Teil zu schrotten!«
Joe sprang auf und schleuderte eine halb leergetrunkene Dose vor sich. Abgesehen von einem grau angelaufenen Unterhemd aus Feinripp trug er lediglich eine ausgeleierte Unterhose, an deren Vorderseite ein gelber Fleck prangte, sowie ein Paar ausgelatschter Cowboystiefel. In seinem Mundwinkel klemmte der heruntergebrannte Stummel einer selbstgedrehten Zigarette. Joe spie ihn angewidert in den Grill. Er schwankte kurz, schüttelte energisch den Kopf und stapfte wutentbrannt in Billys Richtung.
»Genau, mach ihm ne klare Ansage«, bestärkte Barney seinen Saufkumpan. »Scheiß Bälger, ich sag’s ja immer wieder. Darum hab ich auch keine.« Er rülpste, vielleicht wollte er seine Worte dadurch ja unterstreichen.
»So’n Quark. Dich lässt bloß keine Frau ran, deren Eierstöcke noch was ausspucken.« Joe kicherte, seine Laune besserte sich aufgrund des gemeinen Spruchs jedoch kein bisschen. Mit einer brutalen Bewegung schnappte er Billy am Kragen und riss ihn hoch. Der Stoff des T-Shirts gab ein ratschendes Geräusch von sich und schnitt dem Jungen schmerzhaft in den Nacken. »Du undankbare Kröte. Weißte denn nich, was so’n Scheiß kostet?«
Der Gestank von Joes saurem Atem mischte sich mit dem billigen Rasierwassers, Schweiß und ungewaschener Haut. Es strömte Billy dermaßen penetrant entgegen, dass er würgen musste.
»Ich w… war das n… nicht! D… d… das w… waren M… Max und Ch... Ch…«
»Also haste dir mal wieder die Butter vom Brot nehmen lassen, du scheiß Schwächling.« Joe zog Rotz hoch und spie ihn Billy mitten ins Gesicht. »Für dich muss man sich ja schäm’n. Was war das bloß für’n Loser, der dich in deine Mom gespritzt hat. Auf dem Weg nach draußen haste doch bestimmt die falsche Abzweigung genommen, oder? So was wie du kann eigentlich bloß in die Welt geschissen worden sein.«
Billy schossen heiße Tränen in die Augen. Er begann zu zappeln und wollte sich losreißen, doch als Joe das bemerkte, verpasste er ihm einen brutalen Schlag mit dem Handrücken. Die Welt kippte zur Seite, in Billys Ohren nistete sich ein ekelerregendes Fiepen ein. Dann sauste die Umgebung plötzlich an ihm vorbei, ehe er auf den mit Steinen übersäten Boden prallte, sich überschlug und an diversen Stellen die Haut aufschürfte.
»Lass dich heute bloß nich mehr blicken«, zischte Joe und trat Billy mit der Spitze eines Stiefels in die Seite. Die Schmerzen waren so stark, dass Billy noch nicht einmal zu schreien vermochte. »Ich hab nämlich vor, deine Alte nach allen Regeln der Kunst durchzurammeln, und will dich Spanner nich dabeihaben.«
Ein neuerlicher Tritt warf Billy herum. Etwas in seinem Brustkorb knackte. Er musste husten und schmeckte Blut.
»Vielleicht zeugen wir ja was, das dir Spasti zeigt, wie’n anständiger Mensch aussieht. Und wenn die Fotze Zicken macht, wird’s ihr so geh’n wie dir! Versteck dich also besser irgendwo, bis wir fertig sind, und bete drum, dass die Schlampe brav die Beine breitmacht.«
Billy war es irgendwie gelungen, sich auf Hände und Knie hochzustemmen. Alles drehte sich um ihn, seine Leibesmitte schien in Flammen zu stehen. Verzweifelt kroch er von Joe weg.
»So isses recht, aber geht’s vielleicht auch’n bisschen schneller?«
Noch ein Tritt, diesmal von hinten zwischen die Beine. Es tat so sehr weh, dass Billy die Kontrolle über seine Blase verlor.
Heiseres Kichern erscholl. »Jetzt hat er sich doch glatt eingeschifft, der Versager.«
Eine zweite, tiefere Stimme stimmte in das Gelächter ein. »Oh Mann, warum hast du den nicht schon längst entsorgt?«
»Weil seine Alte mir das ewig vorhalten würde. Aber ich arbeite dran«, gelobte Joe. Billy hatte aufgrund des Fiepens Mühe, ihn zu verstehen. Aber er verstand ihn, und jedes Wort verletzte ihn mindestens so sehr wie die Tritte zuvor.
»Du hast seinen Rucksack geschrottet. Die Blätter fliegen überall rum.«
»Ach, der ist doch eh zu hohl für die Schule. Und für den Superheldenscheiß schon viel zu alt! Wie soll’n jemals so was wie’n Mann aus dem werden, wenn er so was nich loswird, frag ich dich. Hey, was’n das? Haben wir hier etwa ein Zeugnis, hm?«
Obwohl er es nicht für möglich gehalten hätte, steigerte sich Billys Entsetzen noch weiter. Er nahm all seine verbliebene Kraft zusammen, um aus Joes Reichweite zu entkommen.
»Das is’ aber alles andere als glorreich«, befand sein Peiniger, während Papier in seinen Händen raschelte. »Scheiße, wie kann man bloß so strunzdumm sein?«
All die Demütigungen hatten sich zu einer solch gewaltigen Kraft aufgetürmt, dass es Billy nicht länger gelang, den Mund zu halten. »W… weil ich wegen d… dir k… kaum zum L… Lernen komme«, keuchte er. »U… und mir auch n… niemand bei d… den Hausaufgaben h… h…hilft. Aber das k… k… könntest du auch g… gar nicht, w… weil du nämlich selbst viel z... z… zu …«
Eine schwielige Hand packte ihn an der Kehle und riss seinen Kopf zurück. »Noch ein verficktes Wort und ich schwör, du bist totes Fleisch. Dann landeste gleich hier auf’m Grill, klar?«
Billy entgegnete nichts. Er wäre auch überhaupt nicht dazu in der Lage gewesen, da Joes zudrückende Finger ihm die Atemluft abschnürten.
»Verpiss dich«, flüsterte es mit eiskalter Stimme direkt neben seinem surrenden Ohr. »Und komm nie zurück, oder du wirst’s bitter bereu’n, das schwör ich dir.«
Billy wurde brutal zurück auf den Boden geschmettert. Seine Kiefer knallten aufeinander, wobei ein Schneidezahn in zahllose Krümel zerbröselte.
»Haste nich gehört, Missgeburt? Verpiss dich!«
Billy konnte nichts mehr sehen, da Tränen seine Sicht verschleierten. Blind griff er aus und zog sich verzweifelt vorwärts, während diverse Regionen seines geschundenen Körpers Schmerzwelle um Schmerzwelle durch ihn jagten. Irgendwie gelang es ihm, die ersten Bäume zu erreichen.
»Ich seh’ dich ja immer noch!«, brüllte Joe, der sich allem Anschein nach wieder hinter dem Grill niedergelassen hatte. »Willste, dass ich dir’n glühendes Stück Kohle in die Buchse steck’, hm? Wird’s dann vielleicht fixer geh’n?«
Billy konnte nicht verhindern, dass ihm ein Schluchzen entwich. Er hasste sich dafür. Unter Joes Gekicher schleppte er sich zitternd und keuchend weiter, in Richtung der Berge.
Zeit verstrich, doch er vermochte nicht zu beurteilen, wie viel. Die Realität löste sich in einem Strudel aus Tränen, Scham und Qualen auf und bekam erst wieder wahrnehmbare Konturen, als die Sonne sich längst hinter die Gipfel der Klamath Mountains zurückgezogen hatte.
Billy lehnte sich mit dem Rücken an einen Felsblock, betrachtete seine zerschundenen Handflächen, roch das Aroma getrockneten Urins, das zwischen seinen Beinen aufstieg, und weinte bitterlich, ohne dabei Tränen zu vergießen. Durst hatte seine Zunge anschwellen lassen und beraubte die Tränendrüsen ihrer Fracht.
Ich habe kein Zuhause mehr, dachte er voll Grauen. Jetzt bin ich ein Obdachloser, ein Penner. Ich werde hier draußen sterben.
In den Tiefen seines zerrissenen Rucksacks fand sich der in Alufolie eingeschlagene Rest eines Pausenbrots. Billy konnte nur unter Schmerzen kauen, und zudem bekam er den Bissen kaum hinuntergewürgt, weil sein Speichelfluss versiegt war. Der Durst war anschließend sogar noch schlimmer geworden, und Billy sollte die Nahrung auch nicht lange bei sich behalten. Als er an Joe und dessen stinkenden Atem denken musste, den Atem, der ihm so viele grausame Botschaften übermittelt hatte, krampfte sich mit Macht sein Magen zusammen. Er erbrach das wenige, das ihn an die Liebe einer Mutter erinnerte, auf den mit zähen Kräutern bewachsenen Waldboden.
Als er endlich aufhören konnte zu weinen, schimmerten erste Sterne über ihm. Die Hitze des Tages wurde von kühlen Winden fortgetragen, die Billys Verletzungen etwas Linderung verschafften. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf. Das ließ den Jungen aufhorchen, denn er wusste: Wo sich eines der Tiere aufhielt, waren Artgenossen meist nicht weit.
»M… muss einen U… U… Unterschlupf finden«, nuschelte er und wischte sich Rotz von der Oberlippe. Als er aufstand, entfuhr ihm ein Schrei. Es fühlte sich an, als würde ein Unsichtbarer eine Stricknadel zwischen seine Rippen treiben, außerdem pochte und brannte es in seiner Hose, als hätte er Säure hineingegossen. Nur indem er sich zusammenkrümmte, konnte Billy die Qualen auf ein einigermaßen erträgliches Maß herunterdimmen.
Gebückt stolperte er los, mit unbeholfenen, torkelnden Schritten. Wie der Glöckner von Notre Dame. Und vermutlich sah er auch so aus. Die Menschen wurden schließlich niemals müde, ihm zu sagen, wie hässlich er war.
Ich nehme bloß meine wahre Form an, dachte er bitter. Diesmal konnte er das Schluchzen gerade noch einfangen, ehe es durch die gewaltsam geschaffene Zahnlücke schlüpfte.
Abermals hallte ein Heulen durch die Nacht. Bildete Billy sich das nur ein, oder hatte es sich wirklich lauter angehört als das erste? Und das gerade … war das etwa ein Fauchen gewesen, wie von einer verdammt großen Katze? Von einem Puma womöglich?
»Sch… sch… scheiße.«
Es gab in der Gegend zahlreiche Jagdhütten, die einem Obdachlosen Schutz versprachen. Billy musste nur eine davon finden. Mit etwas Glück würde er gleich über einen Trampelpfad stolpern, der ihn zu einer solchen aus Baumstämmen errichteten Behausung führen würde. Und darin fand er vielleicht sogar Wasser und etwas zu essen. Falls das Schicksal es besonders gut mit ihm meinte, befand sich in irgendeiner Schublade sogar saubere Kleidung, die ihm einigermaßen passte. Dann konnte er sich, umgeben von massiven Wänden, zum Schlafen hinlegen. Und wenn morgen ein neuer Tag anbrach, sah die Welt schon wieder ga…
Ein gewaltiger Donnerschlag detonierte über Billy und warf ihn auf den Hosenboden zurück. Das Geräusch war dermaßen durchdringend, dass es die Eingeweide des Jungen vibrieren ließ. Der Nachthimmel färbte sich gleißend rot. Etwas schien dort entlangzurasen, ein grelles Licht wie ein intergalaktischer Laserstrahl.
Das Imperium hat seinen Todesstern auf uns abgefeuert, dachte Billy, der mit dem Unterarm seine Augen abschirmte.
Das Licht verging so schnell, wie es gekommen war, und während der Nachhall des Donnerschlags noch durch die Berge waberte, erbebte plötzlich die Erde. Billy wurde mehrere Zentimeter weit in die Höhe gehoben, als der Boden sich unter ihm aufbäumte. Kaum war er wieder herabgefallen und dabei mit dem Steißbein unsanft auf einen Stein geprallt, warf ihn ein zweiter Knall auf den Rücken. Es war ein alles durchdringendes Krachen, so laut, als hätte jemand in Billys unmittelbarer Nähe eine Stange Dynamit gezündet. Das Rauschen, das zwischenzeitlich verklungen war, kehrte in seine Ohren zurück. Ihm ging ein schmerzhaftes Knacken voraus, als der Schalldruck seine Trommelfelle gewaltsam nach innen wölbte.
Billy brüllte vor Entsetzen, doch der Schrei ging in dem gewaltigen Getöse unter. Zwei, drei Sekunden später fegte ein mächtiger Wind den Berghang hinab und trieb dabei Tannennadeln, kleinere Äste und Steinchen vor sich her. Es prasselte auf Billy ein wie eine riesige Ladung Naturschrot.
Was noch?, konnte er nur denken. Was muss ich noch erdulden?
Dann war es vorbei. Von einem Moment auf den anderen präsentierte sich die Nacht wieder finster und geradezu unheimlich ruhig. Wölfe waren ebenso wenig zu hören wie Pumas. Die Welt schien den Atem anzuhalten.
Obwohl sie nichts wahrnahmen, dröhnten Billys Ohren. Er spürte etwas Warmes an seiner rechten Wange hinabrinnen und war sich ziemlich sicher, dass ihm Blut aus der Ohrmuschel sickerte.
Verwirrt und vollkommen verängstigt sah er sich um. Seine Augen waren aufgrund des Lichtblitzes geblendet, weshalb er nichts als finstere, hoch aufragende Schatten erkennen konnte. Der gesamte Wald schien plötzlich zum Leben erwacht zu sein und sich sprungbereit um ihn herum aufgestellt zu haben.
Panik übernahm das Ruder, ließ Billy auf die Füße taumeln und ziellos voranstürmen. Er achtete nicht darauf, ob Äste ihm ins Gesicht peitschten oder Dornen ihm die Haut noch weiter zerkratzten. Abermals verging eine unbestimmte Zeitspanne, ehe er wieder bewusst etwas wahrnahm.
Es war das Gefühl von Schwindel.
Billy ruderte mit den Armen. Er kreischte wie ein kleines Mädchen, als er in die Schwärze starrte, die direkt vor seinen Füßen gähnte. Etwas lag dort unten, in bestimmt fünfzig Metern Tiefe. Es leuchtete schwach, wobei es die Wände des Schachts kaum wahrnehmbar aus der Nacht schälte. Die Luft roch verbrannt, Hitze quoll aus dem Loch empor und blies Billy die Haare aus dem Gesicht.
Endlich gelang es ihm, einen Schritt nach hinten zu treten. Er ließ sich auf die Knie fallen und atmete pfeifend.
Durst!
Das Bedürfnis war dermaßen stark, dass es ihm kaum noch gelang, einen klaren Gedanken zu fassen. Erst als sein Puls wieder etwas gefallen war, besah er sich die Umgebung endlich genauer.
»W… was ist d… d… das?« Billys Zunge glich einem gestrandeten Fisch, der nur noch dann und wann zuckte, während Verwesungsgase ihn bereits aufquellen ließen.
Das Loch war gut zwei Meter breit, so viel konnte Billy im Licht der Sterne erkennen. Und was immer dort an seinem Grund lag, leuchtete rot.
Wie der Nachthimmel vorhin.
Vorsichtig kroch Billy wieder näher heran und spähte in die Tiefe. Auf einmal kam ihm das Loch wie der Lauf einer riesigen Kanone vor. Und das dort unten, am entgegengesetzten Ende, war die Munition, die nur darauf wartete, auf ihn abgefeuert zu werden.
Reiß dich zusammen, Blödi, schalt er sich.
Ihm wurde klar, dass der Gedanke vielleicht gar nicht so abwegig war. Man musste ihn nur herumdrehen, dann ergab die Sache plötzlich einen Sinn. Wenn es sich bei dem Ding in der Tiefe tatsächlich um eine Art Kanonenkugel handelte …
»Es h… hat das L… L… Loch gem…m…macht«, krächzte Billy. »B… beim Aufschlag.«
Als er hinter sich etwas knacken hörte, war es bereits zu spät.
»Scheiße, wen haben wir denn hier! Wenn das mal nicht Mason ist, die alte Pickelfresse.«
Billys gesamte Muskulatur verkrampfte. Er versteinerte förmlich.
Das darf nicht sein. Es darf einfach nicht.
»Tatsächlich«, antwortete Chesters gehässige Stimme auf Max’ verblüfften Ausruf. »Warst du das vorhin etwa? Hast du hier oben Feuerwerk abgefackelt oder so was?«
Billy öffnete den Mund, brachte aber nichts als ein heiseres Fiepen hervor. Seine Kehle fühlte sich an, als wäre sie von innen mit einem Reibeisen behandelt worden.
»Der ist ja noch behinderter als sonst«, stellte Max fest. Der bullige Junge stand nun hinter ihm.
»Das ist die Gelegenheit«, erkannte Chester. »Endlich können wir’s ihm so richtig zeigen, kein Schwanz ist in der Nähe.« Ein, zwei Sekunden vergingen, bis er die Worte anfügte, die Billy in Todesangst versetzten. »Und hier draußen findet ihn auch niemand.«
Es gelang Billy, über die Schulter zu blicken. »B… b… b… bitte«, krächzte er mit letzter Kraft.
»Betteln bringt nur mehr Schläge, das weißt du doch«, blaffte Max. Sein Gesicht war eine Maske brodelnder Schatten.
»Genau«, pflichtete Chester seinem Kumpan bei. Die Spitze seiner Nase lugte gerade weit genug aus den Schatten hervor, um in Billy Assoziationen zu einem Dolch zu wecken, der direkt auf sein Gesicht gerichtet war. »Und jetzt sag tschüss, du Loser.«
Ohne Vorwarnung versetzte Chester ihm einen Tritt in den Hintern. Billy wurde nach vorne geworfen und stürzte über die Kante des Lochs. Er drehte sich mehrmals um die eigene Achse, während die ihn umgebende Luft beständig heißer wurde. Die Sterne entschwanden über ihm, als steckte er in einem Sack und jemand würde dessen Öffnung zusammenraffen. Er schrie nach Leibeskräften, doch kaum ein hörbares Geräusch verließ seine ausgedörrte Kehle.
Der Aufprall zerschmetterte sein Rückgrat und trieb ihm den verbliebenen Atem aus den Lungen. Billy blieb verkrümmt auf dem Ding am Grund des Lochs liegen – dem Ding, das sich nun als rotglühender, pockennarbiger Fels entpuppte. Er war von einer solchen Hitze erfüllt, dass er den Jungen bei lebendigem Leib zu rösten begann.
»Scheiße, was sollte das?«, rief oben eine Stimme. »Das … so was machen wir doch nicht! Wir müssen Hilfe holen, vielleicht kann …«
»Sag mal, spinnst du? Willst du etwa im Jugendknast landen? Also ich nicht. Komm, den kleinen Wichser haben spätestens morgen alle vergessen. Er wird niemandem fehlen. Ich glaube nicht mal, dass überhaupt wer nach ihm suchen wird.«
»Aber das … Scheiße, wir wollten hier draußen doch bloß den Whiskey saufen und die Kippen rauchen! Was, wenn er stirbt?«
»Dann hat er’s endlich hinter sich. So hässlich zu sein, muss echt ne Strafe sein.« Chester lachte. »Jetzt guck nicht so! Falls du vorhast, mich anzuschwärzen, landest du gleich neben ihm, kapiert?«
»Schon gut. Okay, lass … lass uns verschwinden.«
Mehr hörte Billy nicht. Der Dialog war beständig leiser geworden, als hätte eine unsichtbare Hand in seinem Kopf an einem Regler gedreht. Mit den Worten wurden auch seine Schmerzen herabgedimmt. Selbst der Gestank seines verkohlenden Fleisches plagte ihn nun kaum noch.
Stattdessen war ihm, als würde etwas seinen sterbenden Körper abtasten. Etwas wie tausend winzige Finger, die aus dem glühenden Stein drangen und ihn gierig erforschten. Sie drängten in ihn, durch Wunden und Körperöffnungen, spähten jeden Winkel von ihm aus. Es war eine Erfahrung, die Billy um den Verstand gebracht hätte, wäre dieser nicht längst über das Maß des Erträglichen hinaus strapaziert gewesen.
Auch in sein Gehirn drang es vor, über Mund, Nase und Ohren. Schließlich bohrte es sich sogar in seine Augen und ließ ihn vollends erblinden. Es erkundete Hirnwindungen, kostete von Hormonen, erforschte Gedanken. Billy nahm nichts anderes mehr wahr als die fremde Präsenz, die ihn mehr und mehr einnahm.
Und weil ihm in all seinem abgrundtiefen Entsetzen niemand sonst blieb, dem er sich hätte anvertrauen können, nutzte er seine letzten Sekunden, um diesem stummen und gewissenlosen Zuhörer sein Leid zu klagen. Er berichtete von allen Erniedrigungen, zählte sämtliche Peiniger auf, die sich im Lauf seines viel zu kurzen Lebens an ihm vergangen hatten. Keine Schandtat blieb unerwähnt, kein Übeltäter anonym.
Das Fremde sog all die Bosheiten in sich auf. Es labte sich daran wie ein Insekt, das seinen Rüssel in die Blutbahn eines Wirtsorganismus getrieben hatte.
Und als er damit fertig war, nachdem er eine umfassende Beichte abgelegt hatte, die eigentlich vielmehr eine flammende Anklage war, wurde Billy Mason endlich die Last der Existenz von den schmächtigen Schultern genommen.